Ranked: If

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Iona S. Elliott @Wikimedia (CC BY-SA 4.0)
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dennis_Elliott_with_Foreigner_1977.jpg

Unter all den großen Progressive Rock-Formationen der 70er sind If heute etwas untergegangen, aber von 1970 bis 1975 waren sie mal eine wahre Größe der Progressive bzw. Jazzrock-Szene. Ähnlich wie bei den Kollegen von Led Zeppelin oder Peter Gabriel wurden die ersten vier Alben schlicht durchnummeriert und fielen zudem vom Coverdesign sehr schlicht aus. Dahinter war jedoch eine geballte Power, die auch mehr Elemente im Soul und Jazz hatte als in der Rockmusik. Durch die Improvisationen und langen Instrumentalparts blieb der große Erfolg aus, doch unter Kennern ist die Band bis heute geschätzt. 1973 kam es zu fast einer kmopletten Neubesetzung und damit auch zu einem Stilwechsel, der eher rockig war. Zwar gab es auch in der Phase keine Alben, für die man sich schämen müsste, doch der Erfolg blieb weiterhin aus und 1975 folgte schlussendlich die Auflösung. Durch ihr Instrumentales Können waren die Bandmitglieder jedoch sehr gefragt und spielten so u.a. bei Ted Nugent, Foreigner, Colosseum und den Strawbs. Von 2015 bis 2016 kam es zu einer Reunion, bei der auch der langersehnte Nachfolger der ersten vier Alben namens „If 5“ herauskam. Der Erfolg blieb jedoch erneut aus und die Band verschwand wieder im Nebel. If waren nie eine Band, die für die breite Masse ausgelegt war und das ist auch was ihre Fans an ihnen so schätzen. Wer sich auf die langen Stücke einlassen kann und dem unorthodoxen Stil nicht abgeneigt ist, wird jedoch einige spannende Album finden.

TOP5 zum ersten Reinhören:
What Did I Say About the Box, Jack? (1970, If)
Tarmac T. Pirate And The Lonesome Nymphomaniac (1971, If 2)
A Song For Elsa, […] (1971, If 2)
Forgotten Roads (1971, If 3)
Svenska Soma (1972, If 4)

If 5 (2016) – 0,0/10: Reinfall!
Tja, 2015 war angebrochen und es kam völlig unerwartet zu einer If-Reunion, im Folgejahr sogar zu einem neuen Album. Titel und Cover lassen erahnen, dass es sich hierbei um einen Nachfolger zu den ersten vier Alben der Band handelt – doch davon sind wir hier weit entfernt. If 5 lässt sich am ehesten als seichte Lounge-Musik beschrieben, die gemacht wurde um bei einem Kaminabend etwas im Hintergrund laufen zu lassen. Es ist außerdem erschreckend, dass in der offiziellen (!) Playlist im Internet KI-generierte Videos hinzugefügt wurden, in denen Krypto-Währungen beworben werden. Wer danach nicht schon abgeschreckt ist, darf sich nun dem musikalischen Part widmen. Die ungezügelte Spielfreude der Band ist hier komplett passé. Vielleicht wollte die Truppe altersweise wirken – man weiß es nicht. Alles schlurft hier sehr gemütlich vor sich hin, „Groove Sauce“ klingt nach Fahrstuhlmusik, „Guess Who“ ist Easy Listening in Reinform. Gleiches Spiel bei „I Couldn’t Write and Tell You“, bloß das hier noch Gesang dazukommt. „You’ll Know What I Mean“ ist erschreckend nah an Captain Cook und seinen singenden Saxofonen dran. Der Schlusstrack „Resolution – Part 2 – a Love Supreme“ hat im Verhältnis etwas mehr Groove – doch auch das ist im Vergleich zu den Großtaten der Anfangszeit ein Witz.
Noch im selben Jahr löste sich die Band wieder auf und verschwand so schnell, wie sie kamen. Selten war ein Comeback solch eine Farce!
TOP: –

Double Diamond (1973) – 4,0/10: Zwiespältig!
Mit Double Diamond startet ein neues Kapitel der Band. Nur noch Dick Morrissey blieb bei der Band, der Rest wurde ausgetauscht. Dementsprechend war klar, dass die Band nicht mehr klingt, wie früher und viele Fans verschreckt wurden. Lange Instrumentalparts sind hier nicht zu finden, ebenso wie die Spielfreude der ersten vier Alben. Stattdessen ist das ganze Album ziemlich dumpf abgemischt und wurde teils mit grässlichen Synthesizern verkleistert. Konkret gibt es ziemlich viel, was auf einem If-Album nichts zu suchen hat: „Play, Play, Play“ ist aufgeblasener Soul-Rock, „Groupie Blue“ ist billiger Rock ‚n‘ Roll und „Feel Thing – Pt. 2“ ist psychedelischer Kling-Klang. Alles fehl am Platz. Anderes geriet in der Vergangenheit schon deutlich besser: So ist „Pebbles on the Beach“ zwar emotional, aber viel zu seicht und „Feel Thing – Pt. 1“ für einen Jazzrocker viel zu starr. Tiefpunkt ist das seltsame „Fly, Fly, the Route, Shoot“.
Aber es gibt auch ein paar Momente, die das Album noch retten können. Das Instrumental „Feel Thing – Pt. 3“ ist genau der Jazzrock, den die Hörerschaft verdient. „Another Time Around“ ist ungeahnt dramatisch und mit etwas Augenzudrücken geht auch der Rocker „Pick Me Up“ durch. Die zweite Ära der Band beginnt mit einem zweifelhaften Vergnügen…
TOP: Pick Me Up; Another Time Around; Feel Thing – Pt. 3

Tea Break Over–Back on Your ‚Eads! (1975) – 6,5/10: Gelungen!
If verabschiedeten sich mit dem rockigsten Album ihrer Karriere. Einen progressiven Einschlag gibt es nach wie vor, aber den Status eines Jazzrock-Albums kann dieses Werk nicht bekommen. Das ist auch nicht schlimm, nur unterscheidet es sich stilistisch deutlich von seinen Vorgängern. „Merlin The Magic Man“ ist das erste Mal ein klassisches Progressive Rock-Stück der Band, auch wenn es dafür etwas schlicht bleibt. Punkten kann dafür der Balladen-Rock „I Had a Friend“, das besonders durch das Piano seine emotionale Stärke bekommt. Auch der Titeltrack kann punkten und enthält ein erstklassiges Saxofon-Solo. Mit dem energetischen Bluesrocker „Ballad Of The Yessirrom Kid“ wird nochmal ein ordentliches Stück vorgelegt, bevor es dann mit „Raw Sewage“ ein solides, wenn auch nicht besonders ausdrucksstarkes Instrumental gibt. Der darauffolgende „Song For Alison“ geriet dann allerding deutlich zu zaghaft. Zum Glück wird am Ende mit dem längsten Track auf diesem Album (7:50min) nochmal versöhnt: „Don Quixote’s Masquerade“ ist ungewohnt andalusisch angehaucht, nicht zuletzt durch die Spanische Gitarre, die diesen Song mit einem Solo eröffnet. Nach dem großen Besetzungswechsel fiel die Qualität zwar spürbar ab, doch das Vorgängerwerk wie auch dieses Album sind definitiv nicht schlecht. Noch im selben Jahr der Veröffentlichung war dann jedoch für lange Zeit erstmal Schluss.
TOP: I Had A Friend; Tea Break Over-Back on Your ‚Eads; Ballad Of The Yessirrom Kid; Don Quixote’s Masquerade

Not Just Another Bunch of Pretty Faces (1974) – 7,1/10: Gelungen!
Man sollte die Pferde bei diesem Werk zügeln, denn auf dem Niveau der ersten vier Alben bewegt sich dieses Machwerk nicht. Dennoch: Im direkten Vergleich zum Vorgänger gibt es eine spürbare Verbesserung. Morrissey orientierte sich stärker an seinen ersten Alben und hatte auch den Anspruch ein If-Album zu liefern. Im Ganzen ist das auch gelungen: Auch wenn das Cover erstmal abschreckt, „In the Winter Of Your Life“ geriet trotz seiner Eingängigkeit sehr cool und spielfreudig. Die Leidenschaft für den Blues wurde auf „Stormy Every Weekday Blues“ zum Ausdruck gebracht und der „Chiswick High Road Blues“ klingt wunderbar smooth. Auf „I Believe in Rock ‚n‘ Roll“ geht es etwas rauer zur Sache, aber auch das funktioniert gut. Soweit gibt es viel auf dem Level der alten Tage, dazu aber auch mit dem langen Jazzrock-Instrumental „Follow That With Your Performing Seals“ und dem Funk-orientierten „Borrowed Time“ etwas solide Kost. Mit „Still Alive“ gibt es allerdings auch einen kleinen Dämpfer, der so gar nicht zünden will. Die Band war wieder auf Kurs und trotz einem kleinen Qualitätsabfall in der Mitte macht das Album einfach Spaß.
TOP: In the Winter Of Your Life; Stormy Every Weekday Blues; Chiswick High Road Blues; I Believe in Rock ‚n‘ Roll

If 4 / Waterfall (1972) – 8,5/10: Bester Stoff!
Das vierte Album wurde in leicht veränderter Form in den USA unter dem Namen Waterfall veröffentlicht. Die Strategie so dort ein Hit-Album abzuliefern schlug zwar fehl, aber If waren schließlich auch nie eine Band, die für den Mainstream ausgelegt war.
Der Opener „Sector 17“ zeigt das schon sehr deutlich: mit über 10min ist es das längste Stück der Band überhaupt. Es beginnt recht zahm, doch schnell kristallisiert es sich zum avantgardistischsten der Band raus. Spannend für geduldige Zuhörende! Danach wird sich etwas gezügelt und mit „The Light Still Shines“ ein etwas souligeres Stück geboten. Dennoch sind auch hier tolle Soli vorhanden. Das funktioniert auch gut, wobei der Nachfolger „You In Your Small Corner“ etwas zu handzahm ausfällt und zu sehr auf den Single-Erfolg getrimmt ist. Ein gutes Querflöten-Solo darf auf keinem If-Werk fehlen und so gibt es auf „Waterfall“ genau das. Das Stück wirkt zwar äußerst nervös, hat aber definitiv Qualität zu bieten. Etwas schwach fällt „Throw Myself To The Wind“ aus, da es etwas lange braucht um aus der Reserve zu kommen. Wer durchhält, wird allerdings mit ein paar lässigen Blues-Parts belohnt. Der Schlusstrack „Svenska Soma“ gehört zu den besten Instrumentals der Band überhaupt. Verspielte Orgelklänge wechseln sich hier im Verlauf mit wilden Saxofon-Einlagen ab – absolut furios!
Wie gehabt: Kein Album für die breite Masse, aber Fans werden auch hier – trotz ein paar Macken – bestens bedient.
TOP: Sector 17; The Light Still Shines; Waterfall; Svenska Soma

If (1970) – 8,7/10: Bester Stoff!
Auf Anhieb gelang der Band ein erster Geniestreich. Der große Mainstream-Erfolg blieb zwar aus, doch es werden streckenweise parallelen zu Focus oder Camel deutlich. Der Fokus liegt allerdings deutlich weiter Im Jazzrock. Auf „Woman, Can You See“ fallen die progressiven Einflüsse deutlich ab, dafür bekommen wir besonders schmissigen Jazz zu hören. Auf dem leidenschaftlichen „The Level Of Your Conscious Mind“ wird sogar in den Blue-Eyed-Soul abgedriftet, was natürlich nicht zwangsweise den Geschmack der Rockhörer trifft. Der Höhepunkt der Opulenz ist beim dritten Stück „What Can A Friend Say“ erreicht. Das Lied setzt sich sehr betont in den Mittelpunkt, die Bläser wie der Gesang dominieren sehr präsent. Mit einer ähnlichen furiosen Art kommt auch „The Promised Land“ daher.  Ein changierendes Spiel zwischen exzessivem Jazz und entspannten Zwischenparts finden wir beim Instrumental „What Did I Say About the Box, Jack?“, wo besonders die genialen Saxofon- bzw. Querflöten-Soli hervorstechen. Spannenderweise wird auf dem Eröffnungstrack „I’m Reaching out on All Sides“ sogar mit Psychedelic-Elementen gespielt und konstant eine Anspannung aufrechterhalten – die Band zeigt dass sie sich von anderen Künstlern abheben will.
TOP: I’m Reaching out on All Sides; What Did I Say About the Box, Jack?; What Can A Friend Say; Woman, Can You See; The Promised Land

If 3 (1971) – 9,3/10: Meisterwerk!
Für das dritte Album wurde einiges umstrukturiert: Die Titel hatten griffigere Namen, es gab mehr Fernsehauftritte, nur noch einen Longtrack und generell wirkt die Band etwas offener die breite Masse anzusprechen. Dazu gehört auch dass zwei der Titel („Far Beyond“ und „Forgotten Roads“) mit alternativen, etwas mainstreamigeren Versionen als Single veröffentlicht wurden. Das bedeutete allerdings keine Mindere Qualität, auch wenn If 2 doch eine Spur besser ausfiel. Mit dem langen Instrumental „Fibonacci’s Number“ und dem flotten „Forgotten Roads“ gibt es gleich zu Beginn zwei schmissige Jazzrocker. „Sweet January“ ist hingegen eher balladesk, aber ebenfalls sehr smooth. Die A-Seite wird mit „Child Of Storm“ dann versöhnlich abgerundet, wobei hier vor allem das Sax besonders hervorsticht. Die B-Seite hadert anfangs leider etwas. „Far Beyond“ ist leider etwas zu schnulzig geraten, ist allerdings auch der einzige Ausrutscher beim Versuch ein breiteres Publikum zu finden. „Seldom Seen Sam“ ist dazu das absolute Gegenstück, denn die Klangexperimente gingen hier einen Schritt zu weit. Teils klingt das zwar recht spannend, aber insgesamt verliert sich die Band dann doch zu oft in ihren neuen Pfaden. Interessant wird es auf „Upstairs“, bei dem das Pathos, der bereits auf dem Vorgänger zu vernehmen war, wieder deutlich wird. Zum Abschluss wird mit „Here Comes Mr. Time“ noch die Crème da la Crème geliefert. Das Stück ist zwar nicht unbedingt einsteigerfreundlich, bietet aber für Fans ein leidenschaftlich-nachdenkliches Stück, bei dem das Tempo wieder runtergefahren wird. Dass die Band zu neuen Ufern aufbrach, ist unbestreitbar zu hören. Ein gelungenes Album ist es aber allemal.
TOP: Fibonacci’s Number; Forgotten Roads; Sweet January; Child Of Storm; Upstairs; Here Comes Mr. Time

If 2 (1971) – 9,7/10: Meisterwerk!
Das Debutwerk wurde mit dem ebenso schlicht betitelten Zweitwerk nochmal überboten. Auf If 2 wird der Jazzrock mit allen möglichen Facetten ausgeschmückt und zum Ausdruck gebracht, wie vielseitig das Genre sein kann. Der Opener „Your City Is Falling“ ist sehr pathosgeladen, teils gar heroisch. Das gibt aber keinesfalls den Ton für das Album an, denn auf dem darauffolgenden „Sunday Sad“ geht es mediterran angehaucht weiter, fernab von Tempo und furiosen Rhythmen. Spannend zu hören ist das dennoch, die Band beweist ihr Gespür für gute Musik in allen Tempi. Interessant ist auch „Tarmac T. Pirate And The Lonesome Nymphomanic“. Das fällt sehr lässig aus, dennoch ist es sehr komplex gehalten. Auch für Fans von Musik mit Fokus auf Orgel sei dieses Lied sehr ans Herz gelegt. Die zweite Hälfte wird mit dem 8,5-Minüter „I Couldn’t Write And Tell You“ eingeleitet. Sehr gefühlvoll und mit einem wunderbaren Querflöten-Solo veredelt. „Shadows And Echoes“ fällt dann eher seicht aus, auch wenn die Drum-Arbeit wirklich toll ist. Danach folgt mit „A Song For Elsa, Three Days Before Her 25th Birthday“ ein absoluter Höhepunkt im Schaffen von If. Nachdem die zweite Hälfte bis dahin eher ruhiger Natur war, werden hier in Punkte Furiosität nochmal alle Register gezogen und ein stürmisch-fröhlicher Strauß an wilden Einlagen der Band geboten. Ein grandioser Abschluss, der in Erinnerung bleibt.
TOP: Your City Is Falling; Sunday Sad; Tarmac T. Pirate And The Lonesome Nymphomaniac; I Couldn’t Write and Tell You; A Song For Elsa, Three Days Before Her 25th Birthday

If Live
In ihrer Blütezeit haben If nie ein Live-Album veröffentlicht, stattdessen hat es bis 1997 gedauert, bis mit „Europe ‚72“ (Bester Stoff!) ein offizieller Mitschnitt erschien. Die Band zeigt sich hier jazzig wie folkig, nur leider wirkt es mehr wie eine Studioaufnahme als wie ein Livewerk. Noch deutlicher ist das beim 2010 erschienenen „Fibonacci’s Number: More Live“ (Bester Stoff!), das dadurch zwar etwas steril wirkt, aber eine absolut experimentierfreudige und hochmotivierte Band zeigt.

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