Ranked: Motörhead

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Mark Marek @albertastars (CC BY-SA 3.0)
https://www.albertastars.com/727/band/motorhead/

2025 hatten wir einige besondere Jahrestage: der 80. Geburtstag von Lemmy Kilmister, das 50. Bandjubiläum vom Motörhead und der 10. Todestag von Lemmy und dementsprechend auch Motörhead. Anlässig dazu gibt es nun eine Ranked-Ausgabe über die legendäre Band. Gegründet wurde Motörhead 1975 in London, nachdem Lemmy bei seiner vorherigen Band Hawkwind gefeuert wurde. An der Gitarre war Larry Wallis zu hören und am Schlagzeug Lucas Fox, doch schon kurze Zeit später wurden sie durch „Fast Eddie“ Clarke und Phil „Philthy Animal“ Taylor ersetzt, die später als legendäre Besetzung bezeichnet wurden. Vor allem die Alben „Overkill“ und „Ace of Spades“ setzen komplett neue Maßstäbe im Hard Rock, da sie es schafften Metalheads und Punks zu vereinen. Im Laufe der 80er brach die Besetzung außeinander, mit Michael „Würzel“ Burston wuchs die Truppe zeitweise sogar zum Quartett. Ab den 90ern wurde die Band zunehmend offen für Experimente – es entstanden Balladen, ein Duett mit Ozzy Osbourne und externe Musiker. Nach dem Abgang von Michael Burston entstand das letzte und langlebigste Line-Up mit Phil „Wizzö“ Campbell und ex-King Diamond Drummer Mikkey Dee. Zwar gab es unter dieser Besetzung keine kreativen Höhenflüge, allerdings waren sie bis zuletzt ein heiß begehrter Liveact.

TOP 10 zum ersten Reinhören 
Overkill (1979, Overkill) 
No Class (1979, Overkill) 
Damage Case (1979, Overkill) 
Bomber (1979, Bomber) 
Ace of Spades (1980, Ace of Spades) 
The Chase Is Better Than The Catch (1980, Ace of Spades) 
Iron Fist (1982, Iron Fist) 
Built For Speed (1986, Orgasmatron) 
Eat The Rich (1987, Rock ‚n‘ Roll) 
Born to Raise Hell (1993, Bastards)  

The Manticore Tapes (2025) – 0,2/10: Reinfall! 
Fehler können passieren, wichtig ist nur, dass man aus ihnen lernt. Warum man nun also im Jahre 2025 den gleichen Fehler wie 1979 macht und “das wahre Debut” der Band veröffentlicht, bleibt ein Rätsel. Auf diesem Sampler anlässig des 50. Jahrestags der Band und des 10. Todestags von Lemmy versammelte man reichlich halbgare Aufnahmen, die unnötigerweise noch vom Soundingenieur noch komplett glattpoliert wurden. Lemmys raue Stimme ist kaum zu vernehmen und stilistisch ist das Werk eher am Garage Rock als am bluesigen Hard Rock. Obendrein bekommen wird unnötige Alternativversionen und Instrumentals um die Laufzeit zu strecken – ein absolutes Armutszeugnis. Wer den Spirit von Motörhead sucht, wird ihn hier nicht finden. 
TOP: – 
 
Snake Bite Love (1998) – 0,8/10: Reinfall! 
Dass die Band rückblickend erzählte wie fürchterlich das Album ist, sagt eigentlich schon alles. Drummer Mikkey Dee meinte sogar dass „Night Side“ das schlechteste Lied der Band überhaupt sei. Ansichtssache, aber bis auf das schmissige „Love for Sale“ gibt es keine musikalischen Lichtblicke auf diesem Werk. Der enorme Zeitdruck, den die Band durch die Plattenfirma bekam, sorgte dafür dass Motörhead elf Lieder einfach hinrotzten, ohne einen gewissen Qualitätsstandart einzuhalten. „Assassin“, „Joy of Labour“, „Better Off Dead“ – you name it. Alles katastrophale Lieder, die der Band einfach nicht gerecht sind. Einige Stücke hatten zumindest ein gewissen Potential, besonders schade ist es da um den Boogie-Rocker „Don’t Lie to Me“. Stilistisch reicht es aber wieder von der Powerballade („Dead and Gone“) bis zum lärmigen Hau-Drauf-Track („Take the Blame“). 
Zumindest sei für Sammler Entwarnung gegeben: Das Cover ist das wohl beste, das die Band in den 90ern rausgehauen hat. 
TOP: Love for Sale 
 
March ör Die (1992) – 1,5/10: Reinfall! 
Niemand, der das Album mal durchgehört hat, wird überrascht sein, dass nun ein Zerriss folgt. March ör Die ist eines der uninspiriertesten, unsichersten und planlosesten Alben in der ganzen Bandgeschichte. Das spannendste, das es über dieses Album zu sagen gibt? „You Better Run“ wurde für den SpongeBob-Film nochmal neu aufgenommen. Joa, abseits davon gibt es nicht viel (halbwegs) spannendes Hintergrundwissen. Hauptauslöser für die Misere war, dass der Streit mit Phil Taylor endgültig eskalierte und er für immer aus der Band flog. Motörhead klangen mit ihrem kurzfristigen Ersatzmann, dem Sessionmusiker Tommy Aldridge (u.a. Black Oak Arkansas, Gary Moore, Yngwie Malmsteen) sehr ausgelaugt und die Stücke dementsprechend sehr bemüht. Sei es „Stand“, „Bad Religion“ oder „Asylum Choir“, alles klingt irgendwie nichtssagend und gar zaghaft. „Jack The Ripper“ klingt wie schlecht von den Misfits kopiert, bei „Cat Scratch Fever“ wird das Original nicht mal ansatzweise erreicht. Unangenehm poppig wird es auf „Too Good To Be True“, doch es kommt noch schlimmer. Die größte Peinlichkeit ist die kitschige Ballade „I Ain’t No Nice Guy“, die zusammen mit Ozzy Osbourne, Slash und zum letzten Mal Phil Taylor aufgenommen wurde. Das Stück enthält mehr Schmalz als ein ganzes Flippers-Album insgesamt. Zumindest existiert eine Unplugged-Variante von 2001, die durchaus zu empfehlen ist. Beim Titellied wird die Formel des Vorgängers (ein recht seichtes Lied mit hartem Titel) nur in schlechter wiederholt. Neben dem bösen Bluesrocker „You Better Run“, kann zumindest noch die neue Variante von „Hellraiser“ punkten, das Lemmy ein Jahr zuvor für Ozzy Osbourne schrieb und hier deutlich basslastiger ausfällt. 
TOP: Hellraiser; You Better Run 
 
On Parole (1979) – 2,1/10: Reinfall! 
Nachdem Motörhead 1979 einen kometenhaften Aufstieg mit der Album-Combo Overkill und Bomber erlebt haben, entschied sich United Artists das eigentliche Debut der Band entgegen ihrem ausdrücklichen Wunsch zu veröffentlichen. Tatsächlich wird schnell klar warum Motörhead und nicht On Parole das erste Album der Band wurde. Es gibt einige Rohversionen von Stücken, die zwar auch auf dem Debut enthalten sind, allerdings noch von Lucas Fox (Drums) und Larry Wallis (Guitars, Voc) eingespielt wurden und deutlich hinterherhinken. Das Titellied hingegen ist unpassender Rockabilly und „City Kids“ viel zu seicht für eine sonst so dreckig klingende Band. Das Motown-Cover „Leaving Here“ überrascht dann aber doch und wer sich für Larry Wallis interessiert, dem sei „Fools“ noch wärmstens ans Herz gelegt. Ein Verkaufsargument ist das allerdings allemal nicht. 
TOP: Leaving Here 
 
Motörizer (2008) – 3,0/10: Zwiespältig! 
Auf Motörizer kam der Verschleiß der Band leider immer stärker zum Vorschein. Die Kreativität schwand und es gibt viel Dienst nach Vorschrift. An sich gibt es viel, was es schonmal in besser auf den vorherigen Alben gab, daher gibt es auch kaum Kaufempfehlungen für dieses mediokre Werk. Allein die Titel zeigen schon ziemlich aussagekräftig, wie es um die Band steht. Der überwiegende Teil des Albums ist gewohnt hart, aber eben schwach geschrieben. „Time Is Right“ wirkt wie unter Zeitdruck zusammengeschustert, „Back in the Chain“ ist ziemlich behäbig und „One Short Life“ ist sehr unschöner Heavy Blues. Die Opener „Runaround Man“ und „Teach You How To Sing the Blues“ sind unterdurchschnittlicher Hard Rock und „Heroes“ (nicht das David Bowie-Cover) geriet sehr handzahm. Neben ein paar soliden Momenten kann „Rock Out“ noch hervorstechen, das an die Großtaten der späten 70er und frühen 80er erinnert. Auch das leidenschaftliche „English Rose“ kann sich sehen lassen. Sonst bleibt das Album ein blasses Spätwerk, das im Schatten seiner meisten Vorgänger steht. 
TOP: Rock Out; English Rose 
 
Sacrifice (1995) – 3,4/10: Zwiespältig! 
Motörhead zum allerletzten Mal als Quartett. Sacrifice ist ein sehr lauwarmes Album, das zum Großteil aus Stücken besteht, die auf anderen Alben als Füllmaterial funktioniert hätten, aber ein ganzes Album nicht tragen können. Experimente kommen nicht mehr zum Einsatz, dafür sehr viel 08/15 Hard Rock, der dieses Mal sehr schwer ausfällt. Vieles kommt einfach nicht so recht in Fahrt wie das Titellied oder „Make ‚Em Blind“. Aber auch andere Probleme machen sich beim Songwriting breit: „Order / Fade to Black“ wirkt durch die Schwere eher behäbig und „All Gone to Hell“ ist sehr unangenehm repetitiv. Das Album zieht sich wie Kaugummi, wer es aber bis zur Hälfte durchhält, wird allerdings belohnt. Tatsächlich gibt es in der zweiten Hälfte einen Qualitätsanstieg und mit „Dog-Face Boy“ ein schön dreckiges Lied wie aus den Anfangstagen. Der Boogie-Rock mit Piano-Einsatz, der auch schon auf dem Vorgänger Bastards wunderbar funktionierte, kommt mit „Don’t Waste Your Time“ nochmal zum Vorschein. Das spannungsgeladene „In Another Time“ und der kleine Hit „Out of the Sun“ stimmen zum Ende einigermaßen versöhnlich, täuschen aber nicht davon hinweg, dass das Album definitiv unter dem Durchschnitt der Band liegt. 
TOP: Dog-Face Boy; Don’t Waste Your Time; In Another Time 
 
Hammered (2002) – 3,5/10: Zwiespältig! 
Nach dem ambitionierten We Are Motörhead ließen Lemmy und Co es erstmal etwas seichter angehen. Hammered setzt weder auf Härte noch auf Kreativität. Vielmehr wirkt es wie ein Vertragserfüllungsalbum, bei dem nur das Nötigste geschaffen wurde. Das stärkste Lied wurde direkt an den Anfang gesetzt – dafür ist „Walk a Crooked Mile“ allerdings auch verdammt stark. Im Verlauf gibt es mit „Mine All Mine“ noch einen kernigen Rock ‚n‘ Roll und mit „Dr. Love“ leidenschaftlichen Hard Rock. Abseits davon bleibt aber vieles blass. „Voices from the War“ ist sehr unausgereift und ist gesanglich sehr schwach. Auf „Red Raw“ wird Ace of Spades kopiert, bloß deutlich schlechter als das Original. Auch „No Remorse“ ist sehr ärgerlich, da es viel zu repetitiv ist. Der Closer „Serial Killer“ lässt einen sehr ratlos zurück, denn es handelt sich um ein kurzes Spoken Word, warum auch immer. Low-Point ist allerdings dann doch das möchtegern-rebellische „Shut Your Mouth“, das so wirkt als hätte ein trotziger 13-jähriger es getextet. Aufgelockert wird das ganze durch ein paar dann doch ganz solide Stücke. „Down The Line“ steht in der Tradition vom Opener und auf „Brave New World“ kommt dann doch noch etwas Aggressivität auf. Auch gegen „Kill The World“ kann man nichts sagen. Für eine Kaufempfehlung reicht es nicht, aber es gab schon deutlich schlimmere Alben. 
TOP: Walk a Crooked Mile; Mine All Mine; Dr. Love 
 
Aftershock (2013) – 3,6/10: Zwiespältig! 
Ein ganz schwieriges Album, das leider bestätigt, was die Motörhead-Fans jener Zeit nicht wahrhaben wollten: Lemmy hatte seinen Zenit überschritten und seine gesundheitlichen Probleme wirkten sich auf seine Stimme aus. Teilweise fällt das besonders schlimm aus, es gibt allerdings auch den einen oder anderen starken gesanglichen Moment auf diesem Album. Dennoch: das Album bekam seinen Erfolg nicht durch qualitativ hochwertige Musik, der Erfolg kam durch den Legendenstatus der Band. Positiv an diesem zu lang geratenen Album stechen besonders die tempogeladenen “End of Time” und “Paralyzed” hervor. “Queen Of The Damned” ist hingegen eine tolle Hommage an die frühen Tage der Band. Daneben: Ganz viel Durchschnitt. “Heartbreaker”, “Do You Believe”, “Going To Mexico” – You name it. Alles solide Stücke, aber eben nichts, was einem Album den Klassikerstatus verleiht. Dazu kommt leider noch dürftiger Boogierock (“Crying Shame”), musikalisch sehr dünne Stücke (“Knife”) und schlicht unkreative Massenware (“Silence When You Speak To Me”, “Keep Your Powder Dry”). Ganz schlimme Ausreißer nach unten gibt es zum Glück nur beim spröden “Death Machine”. Motörhead im Schatten ihrer selbst… 
TOP: End Of Time; Queen Of The Damned; Paralyzed 
 
Bad Magic (2015) – 3,8/10: Zwiespältig! 
Nein, auch das letzte Album konnte die Reihe an mediokren Alben nicht brechen. Lemmys Gesundheitszustand (siehe sein letztes Interview) sorgte dafür, dass sich die Aufnahmen zunehmend als schwierig gestalteten. Im Songwriting wurden keine Wunder mehr vollführt, sondern oft von früheren Taten kopiert oder zitiert. Lemmys Stimme war teils in einem desaströsen Zustand (“The Devil”, “Teach Them How To Bleed”), obendrein leidet das Album wie sein direkter Vorgänger unter den überdurchschnittlich vielen Liedern – 8-10 hätten ihren Zweck bereits erfüllt. So gibt es sehr viel Füllmaterial zwischen interessanten Stücken. Über weite Strecken klingt das Album unsauber (besonders auf “Shoot Out All Your Lights”) oder bisweilen klischeehaft (“Electricity”). Traurigerweise wird immer wieder Potential deutlich, aber durch das schwache Writing nicht wirklich genutzt, wie auf dem knurrigen “Choking On Your Screams”. Zugegeben muss man dafür ein Auge zudrücken, da Motörhead sich hier ziemlich stark selbst kopieren, aber “Thunder & Lightning” gehört definitiv zu den besseren Liedern auf dem Album. Auf “Fire Storm Hotel” wird der Hard Rock dann noch zusätzlich mit einem Blues-Einschlag veredelt und “The Devil” bietet ein wunderbares Gast-Solo von Brian May. Das balladeske “Till The End” hingegen zeigt einen altersweisen Lemmy, der sich seiner Situation bewusst ist – leider der einzige tiefgründige Moment auf diesem Werk. Zumindest wird das Ganze mit dem Rolling Stones-Cover “Sympathy For The Devil” locker und keineswegs melancholisch ausgeklungen. 
TOP: Thunder & Lightning; Fire Storm Hotel 
 
Rock ‚n‘ Roll (1987) – 3,9/10: Zwiespältig! 
Und da war Phil Taylor dann wieder an Bord. Nachdem die Selbstfindung im Sande verlaufen war, schloss sich der Drummer Motörhead wieder an und blieb für zwei weitere Alben in der Band. Musikalisch viel das Album sehr medioker aus und dass es nicht völlig unterging, lag vor allem an den ersten beiden Titeln des Albums. Zum einen das Titellied, das ein nur so vor Energie strotzendes Loblied auf das Genre darstellt. Zum anderen wäre da „Eat The Rich“, eine satirische Kapitalismuskritik, angelehnt an den gleichnamigen Film, in dem Lemmy auch mitspielte. So ungewohnt das klingt, so gut funktioniert es dennoch. Unter Kennern erfreuen sich auch der flotte Boogie-Rock „Boogeyman“ und das eingängige „Stone Deaf in the USA“ durchaus einiger Beliebtheit – abseits davon sieht es auf dem Album allerdings ziemlich düster aus. Der überwiegende Teil des Albums klingt sehr unfertig und wenig ausgereift. Von „Blackheart“ über „Traitor“ und „Dogs“, es will einfach kaum etwas zünden. „The Wolf“ geriet tatsächlich sogar eher zu lärmig und „All For You“ ist im Gegenzug ein missglückter Versuch melodischer zu klingen. Dass sich Michael Palin bereit erklärte einen Gastbeitrag beizusteuern ehrt ihn – deplatziert klingt es leider dennoch. Auch die Band selbst äußerte gemischte Gefühle über das Album, in seinen Memoiren erklärte Lemmy einst wie viel bei den Aufnahmen schieflief. 
TOP: Rock ‚n‘ Roll; Eat The Rich; Boogeyman 

Sampler, EPs
Neben den vielen Alben veröffentlichten Motörhead auch einige EPs. Bevor das legendäre Livewerk No Sleep ‚til Hammersmith veröffentlicht wurde, kam 1980 mit „The Golden Years“ (Bester Stoff!) schon ein Light-Variante heraus, die allerdings keine Aufnahmen enthält, die dann auf dem Album zu hören sind. Daher unter Sammlern sehr begehrt! Im selben Jahr wurde mit „Beer Drinkers and Hell Raisers“ (Gelungen!) eine ganz nette kleine EP mit zwei Cover Versionen, einem Larry Wallis Klassiker und einem neuen Stück. Spannend sind die zwei darauffolgenden EPs. 1981 erschien unter dem Namen Headgirl die Kollaborations-EP „St. Valentine’s Day Massacre“ (Bester Stoff!). Die Zusammenarbeit mit Girlschool bestand aus einem Lied von Motörhead, einem von Girlschool und einem Cover von Johnny Kidd. Ein spannendes Werk, mit 9,5 Minuten nur leider zu kurz. Ein Jahr später wurde das Schema wiederholt, dieses Mal mit der tragischen Plasmatics-Frontfrau Wendy O. Williams. „Stand By Your Man“ (Gelungen!) ist sehr punkig und auch eher als Spaßprojekt zu betrachten. Die letzte EP erschien 1992 unter dem Namen „’92 Tour EP“ (Reinfall!) und beinhaltet je zwei Stücke von March ör Die und 1916.
Auch vom 2003 erschienenen „Hellraiser: Best of the Epic Years“ (Reinfall!) sollte man die Finger lassen. Ein Best Of aus der Zeit on 1991 bis 1992 ist schlicht unnötig, da 1916 völlig ausreicht. 2002 wurde mit „Tear Ya Down“ (Zwiespältig!) eine Sammlung von Outtakes und Alternativversionen veröffentlicht. Ganz okay, aber streckenweise ist das ziemlich dünn und spannende Stücke werden hier vermisst. Coveralben sind bekanntermaßen ja immer ein Streitfeld, mit dem 2017er „Under Cöver“ (Gelungen!) begeht man keinen zu schlimmen Fehler, aber man verpasst eben auch nichts. Highlight ist definitiv das legendäre Heroes-Cover, das bei Fans hoch im Kurs steht.

Kiss of Death (2006) – 5,0/10: Gelungen! 
Auf Kiss of Death wird das Problem, dass sich Motörhead wiederholen noch deutlicher als bei den Vorgängern. Das ist nun ein Phänomen, welches man zwiespältig betrachten kann: Auf der einen Seite entsteht so logischerweise keine neue Meisterleistung, aber für sich gesehen hört sich das Album ganz solide. Es wird wie gewohnt kräftig in die Saiten gehauen und ins Mikrofon gebellt, mal robuster („Sucker“), mal melodischer („One Night Stand“) und mitunter auch mal sehr thrashig („Trigger“). Auf „Be My Baby“ wurde der Rock ‚n‘ Roll an den modernen Zeitgeist angepasst und Wacken-tauglich gemacht. Nachhaltig berühmt wurde von dem Album allerdings tatsächlich nur das semi-akustische und erneut altersweise „God Was Never on Your Side“. Soweit zu einzelnen wirklich gelungenen Stücken, doch der Rest ernüchtert etwas. Um es nebenbei zu hören ist Kiss of Death ein passables Album, doch zum bewussten Hören eben nicht. Auch wenn verschiedene Ansätze ausprobiert werden, nichts überzeugt langfristig. Alles was irgendwann mal funktioniert hat wird nochmal aufgewärmt vorgesetzt: lärmiger Hardrock: „Going Down“. Heavy Blues: „Christine“. Schwerer Metal wie aus der Mitte der 90er: „Under The Gun“. Alles klingt wie schonmal dagewesen und damit hat das Album ein klar benennbares Problem. Aber eben auch eine klare Lösung: wenn es nur um Stimmung und nicht um Musikhistorie geht, dann erfüllt Kiss of Death seinen Zweck. 
TOP: Sucker; One Night Stand; Trigger; God Was Never on Your Side; Be My Baby 
 
The Wörld Is Yours (2010) – 5,2/10: Gelungen! 
Auf The Wörld Is Yours wurde erneut deutlich, dass Motörhead die Puste ausgingen. Zwar gibt es wenig Stücke unter dem Durchschnitt, allerdings auch nur wenige Ausreißer nach oben. Ein roter Faden bzw. einen konstanten Charakter sucht man auf diesem Album ebenfalls vergebens. Der Titel wurde von Lemmy bewusst gewählt, da er sowohl optimistisch, aber genauso propagandistisch klingt – musikalisch wird mit dieser Ambivalenz allerdings nicht weitergespielt. Besonders interessant sind hingegen vor allem das düstere und von Lemmy wunderbar geknurrte „Brotherhood of Man“ und das instrumental flotte, allerdings im Midtempo gesungene „I Know How to Die“ (geniale Idee!). Dazu gesellen sich reichlich solide Hardrocker und mit „Rock ‚n‘ Roll Music“ leider auch eine ganz schlimme Gurke (viel zu unsauber!). Zum Ende überzeugen dann nochmal das catchy „Outlaw“ und zum Ausklang der lockere Rock ‚n‘ Roller „Bye Bye Bitch Bye Bye“. 
Jede andere Hard Rock Band wäre wohl froh gewesen in ihrer Karriere ein Album in dieser Klasse aufzunehmen, für Motörhead-Verhältnisse ist das Album allerdings etwas dünn. Auf der anderen Seite zeigt sich allerdings wie hoch die Band im Kurs der Musikhörer steht. 
TOP: I Know How to Die; Brotherhood of Man; Outlaw; Bye Bye Bitch Bye Bye 
 
Inferno (2004) – 5,5/10: Gelungen! 
Inferno wird immer wieder von Fans und Kritikern hoch gelobt, gerade weil es im Verhältnis zum Vorgänger einen Gang härter zur Sache geht. Sicher ist es im Verhältnis zum Vorgänger auch qualitativer, aber gerade im Mittelteil fehlen dann doch die Überraschungen. Zunächst startet das Album mit dem aggressiven „Terminal Show“ und dem etwas eingängigeren „Killers“ auch sehr stark, hinzu kommen die bösen Rock ‚n‘ Roller „In The Name of Tragedy“ und „Life’s A Bitch“. Dann läuft vieles nach dem Motto „Ein gutes Pferd springt nur so hoch wie es muss“ ab. „Down On Me“, „In The Black“, „Fight“ – alles definitiv keine schlechten Lieder, aber eben auch keine außerordentlich guten. Motörhead fingen an immer mehr Lieder recht formelhaft klingen zu lassen. „Suicide“ beginnt sogar sich schnell zu wiederholen und „Keys to the Kingdom“ bleibt sehr unspektakulär. Ans Ende wurden allerdings nochmal zwei wirklich starke Songs gesetzt. „Smiling Like a Killer“ ist ein gefundenes Fressen für die Hard Rock-Fans und auf „Whorehouse Blues“ präsentiert sich die Band mal von ihrer akustischen Seite. 
TOP: Terminal Show; Killers; In the Name of Tragedy; Life’s A Bitch; Smiling Like a Killer; Whorehouse Blues 
 
We Are Motörhead (2000) – 6,3/10: Gelungen! 
Der Titel sowie das Titellied zeigen bereits das dieses Album eine Herzensangelegenheit war. Das Album ist wie die Band selbst ein Gebilde mit Ecken und Kanten, aber eben auch klaren Höhepunkten. We Are Motörhead ist zwar kein Überflieger, aber ein Album mit Passion. Berühmt wurden vor allem die dreckige Powerballade „One More Fucking Time“ und das Cover von „God Save The Queen“ (Anm. Lemmy war der Basslehrer von Sid Vicious, daher ist das Lied sehr bewusst gewählt). Weniger bekannt, aber absolute Asskicker sind ebenfalls „See Me Burning“ und „Out To Lunch“. Auf „Stagefright/Crash & Burn“ wagen sich Lemmy und Co sogar sehr bewusst in den Thrash Metal. Neben solider Kost wie „Stay Out of Jail“ und dem schweren „Wake The Dead“ hat das Album aber auch ein paar kleine Macken. „(Wearing Your) Heart on Your Sleeve“ ist auf Dauer etwas anstrengend, „Slow Dance“ hat spürbare Schwächen im Writing. Die kleinen Schwächen seien verziehen, insgesamt ist We Are Motörhead ein Album, bei dem man Bedenkenlos zugreifen kann. Lemmy wirkt bisweilen etwas altersweise, aber zu keinem Zeitpunkt müde. 
TOP: See Me Burning; God Save The Queen; Out to Lunch; One More Fucking Time; Stagefright/Crash & Burn; We Are Motörhead 
 
Iron Fist (1982) – 6,6/10: Gelungen! 
Auf Iron Fist wirkten Motörhead ein wenig so, als hätten sie ihr Pulver verschossen. Neben einigen Highlights gibt es viele uninspirierte Songs, die das Album streckenweise etwas blass wirken lassen. Sieht man von der Massenware wie „I’m The Doctor“, „Go To Hell“ und „(Don’t Let ‚Em) Grind Ya Down“ mal ab und ignoriert das anstrengende „Loser“ mal völlig, gibt das Album allerdings doch was her. Das Titellied mit seinem ruckartigen Rhythmus ist bis heute legendär. Weniger bekannt, aber angenehm garstig sind hingegen „Heart Of Stone“ und „(Don’t Need) Religion“. Letzteres ist übrigens auch ein spannendes, persönliches Statement der Band. Zumindest textlich interessant ist auch „America“ das den Mythos vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten aufarbeitet. Da das Album immer etwas unter dem Radar fliegt, gibt es auch ein paar Geheimtipps. Zum einen wäre da „Sex and Outrage“, das lärmigen Rpck ‚n‘ Roll à la „No Class“ bietet. Zum anderen wäre da der furiose Schlusstrack „Bang To Rights“. „Speedfreak“ wird seinem Titel leider kaum gerecht, dafür weiß Eddie Clarke auf „Shut It Down“ mit einem flotten Riff gekonnt Spannung aufzubauen. Keine Sternstunde, aber eben auch nichts, für das man sich schämen müsste. 
TOP: Iron Fist; Heart Of Stone; Sex and Outrage; Shut It Down; (Don’t Need) Religion; Bang To Rights 
 
Motörhead (1977) – 7,0/10: Gelungen! 
Nach einer wilden Veröffentlichungsgeschichte, bei der das fertige Debutwerk nicht veröffentlicht wurde und erst 1979 als „On Parole“ herauskam, wurde nun als das selbstbetitelte Album das offizielle Debut. Und auch wenn die Qualität der nachfolgenden Alben noch nicht erreicht war, die Band hatte ihre Identität bereits gefunden. Akustisch klingt das Werk ein wenig wie in einer Garage aufgenommen – der Klang ist dreckig und viele Stücke sind One-Takes. Für eine Band wie Motörhead, die nun mal keine Soundtüftler sind, ist das auch völlig legitim. 
Für das Debut brachte Lemmy gleich zwei Stücke seiner alten Band Hawkwind mit: einmal den Klassiker „Motörhead“ und das bluesige „Lost Johnny“. Mit „The Train Kept a Rollin“ wurde sich erneut an Fremdmaterial bedient, dieses Mal eher schnell und groovig. Einen Hang zu Biker-Metal hatten Motörhead schon immer, so auch hier. „Iron Horse / Born to Lose“ und vor allem „Keep Us on the Road“ zeigen das sehr präsent. „Vibrator“ hat dazu noch das vielleicht beste Solo des Albums und auf „White Line Fever“ traute man sich an leicht psychedelische Klänge. „The Wachter“ hingegen fällt etwas schmal aus. 
TOP: Motörhead; Vibrator; Lost Johnny; Keep Us on the Road 
 
Overnight Sensation (1996) – 7,6/10: Bester Stoff! 
Nach den Jahren der Unruhe, kam es endlich zu der endgültigen Besetzung. Michael Burston stieg aus, zurück blieben Lemmy, Phil Campbell und Mikkey Dee. Und das erste Album in Trio-Besetzung seit 1983 rockt gewaltig! Schwache Songs gibt es keine, dafür einige neue Klassiker. Dazu gehören auf jeden Fall das flotte „Civil War“ und auch das aggressive „Crazy Like a Fox“, dass die frühe Punk-Energie aufblitzen lässt. „I Don’t Believe A Word“ hat wiederum kaum Härte, gehört aber zu den Fan-Favoriten. Neben etwas solidem Durchschnitt („Eat the Gun“, „Them Not Me“, „Murder Show“) sind auch einige gelungene Stücke mit der neu erworbenen Schwere aufzufinden („Love Can’t Buy You Money“, „Shake The World“). Auf „Broken“ wird dann wieder härter in die Saiten gehauen, auch wenn sich Motörhead wieder betont cool geben. Ganz verrückt wird es beim Closer „Listen to Your Heart“, bei dem Lemmys Akustikgitarre besonders hervorsticht und schon fast Country-Vibes verbreitet. Die neue Ära startet selbstbewusst und wohldurchdacht. 
TOP: Civil War; Crazy Like a Fox; I Don’t Believe A Word; Love Can’t Buy You Money; Broken; Shake the World; Listen to Your Heart 
 
Bomber (1979) – 8,4/10: Bester Stoff! 
Ein würdiges Nachfolgealbum zu Overkill zu schaffen ist schwierig, und auch wenn die beiden Alben nicht ganz in einer Liga spielen, ist Bomber ein respektables Werk. Während Overkill allerdings keine nennenswerten Schwächen enthält, hat Bomber doch ein paar kleine Macken. Die recht früh platzierte Combo „Lawman“ und „Sweet Revenge“ klingen zwar gewohnt böse, dümpeln aber ein wenig vor sich hin. Ebenso hätte man sich den lauwarmen Bluesrocker „Step Down“ mit Eddie Clarke am Mikrofon (!) sparen können. Nun aber genug Gemecker, der überwiegende Teil des Albums fällt nämlich sehr stark aus. Lemmys Vorliebe für Kriegsthematik kommt zum ersten Mal zum Vorschein und auch erste Verweise zum Thema Glückspiel sind zu hören. „Dead Men Tell No Tales“ ist knackig und hat ein Solo der Extraklasse, „Stone Dead Forever“ ist wunderbar ungezügelt und das Titellied ein Klassiker des Hard Rocks. All diese Stücke gehören zum Tafelsilber der Band. Deutlich eingängiger, aber nicht minder qualitativ fallen auch „Sharpshooter“ und „Poison“ aus. Dazu kommen noch „All the Aces“ und „Talking Head“, die zwar zugegeben nichts allzu besonders sind, aber dennoch die gewohnte Motörhead-Power besitzen – das reicht eben manchmal schon. Dem Plattencover treu beschritten Motörhead weiter ihren Höhenflug. 
TOP: Dead Men Tell No Tales; Sharpshooter; Poison; Stone Dead Forever; All the Aces; Talking Head; Bomber 
 
Another Perfect Day (1983) – 8,9/10: Bester Stoff! 
Ein Album, das die Hörerschaft damals wie heute spaltet. Der von Fans geliebte Gitarrist „Fast“ Eddie Clarke verließ die Band und wurde durch die Thin Lizzy-Legende Brain Robertson ersetzt. Das ist auch deutlich hörbar, denn Robertson hat gänzlich andere Spielweisen und Gitarrensounds. Motörhead klingen fast wie eine andere Band, allerdings auch wie eine wirklich gute. Tatsächlich ist nur der Schlusstrack „Die You Bastard!“ im klassischen Motörhead-Sound angesiedelt, der Rest gibt dem Album ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. „Shine“ und „Dancing On Your Grave“ klingen deutlich melodischer und damit recht untypisch, während „Back at the Funny Farm“ und „Rock It“ derben Rock ‚n‘ Roll mit dem neuen Klang verbinden. Ungewöhnlich ist auch der Psychedelic Blues „One Track Mind“. Aber auch das funktioniert unerwartet gut. Ironischerweise ist das Titellied eines der schwächeren Stücke des Albums, neben dem ganz netten Rock ‚n‘ Roller „Marching Off To War“. Versöhnlich gibt es zum Ende dann noch die dynamischen, riff-orientierten Rockgranaten „I Got Mine“ und „Tales Of Glory“. Another Perfect Day markiert zweifelsohne das Ende der klassischen Ära, allerdings definitiv keinen Qualitätsabfall. 
TOP: Back At The Funny Farm; Shine; Dancing On Your Grave; Rock It; One Track Mind; I Got Mine; Tales Of Glory; Die You Bastard!  
 
Bastards (1993) – 9,0/10: Meisterwerk! 
Nach dem ganzen Chaos des Vorgängers, war Bastards der Beginn einer neuen Struktur. Mikkey Dee (King Diamond, Don Dokken) stieg fest ein und blieb bis zur Auflösung Teil der festen Besetzung. Im Songwriting blieb die Band immer noch wagemutig, wenn auch etwas durchdachter. Die größte Überraschung des Albums war definitiv „Don’t Let Daddy Kiss Me“, eine ernste Akustikballade zum Thema Kindesmissbrauch. Eigentlich bot Lemmy das Stück anderen Musikern an, es wurde jedoch stehts abgelehnt und so spielte er es selbst ein. Sehr emotional und dem Thema gegenüber auch absolut gerecht. Ungewöhnlich für die Band ist auch „Lost In The Ozone“, das ziemlich schwermütig ausfällt. Dafür ist der Closer „Devils“ im Gegenzug wieder sehr hoffnungsvoll. Neu ist auch den Boogie-Rock mit Piano-Klängen auszufeilen und so Perlen wie „Born To Raise Hell“ und „Bad Woman“ zu schaffen. Nach dem lahmen Vorgänger wurde auch das Tempo kräftig angezogen und das Album mit dem furiosen Dreigestirn aus schnellem Rock ‚n‘ Roll („On Your Feet or on Your Knees“), mitreißenden Hard Rock („Burner“) und trotz des Tempos Eingängigem („Death Or Glory“) direkt auf Kurs gebracht. Neben kleinen Überraschungen wie dem groovy „I’m Your Man“ oder dem One-Man-Army-Kracher „I Am The Sword“ gibt es mit „We Bring The Shake“ leider auch eine ziemliche Gurke – allerdings ist die bei der Menge an erstklassigem Material zu verzeihen. Ein stetes Auf und Ab bei Motörhead, aber was zu der Zeit funktionierte war auch richtig gut. 
TOP: On Your Feet or on Your Knees; Burner; Death Or Glory; I Am The Sword; Born To Raise Hell; Don’t Let Daddy Kiss Me; Bad Woman; Lost In The Ozone; I’m Your Man; Devils 
 
Orgasmatron (1986) – 9,2/10: Meisterwerk! 
Krisenstimmung bei Motörhead: Neuzugang Brian Robertson verlässt die Band, ein Jahr später dann auch der legendäre Drummer Phil Taylor. Lemmy steht allein da und formiert ein neues Line-Up, das nun aus den Gitarristen Phil Campbell aka Wizzö und Michael Burston aka Würzel besteht. Hinzu kommt noch der Drummer Pete Gil, der allerdings nur auf diesem Album zu hören ist – ungewohnt also zum ersten Mal als Quartett. Drei Jahre nach dem letzten Album kommt nun also Orgasmatron raus. Eigentlich sollten diese Entwicklungen misstrauisch stimmen, doch tatsächlich ist Orgasmatron ein hochgelobtes Album – nicht zuletzt wegen dem legendären Cover, das so Over The Top ist, dass es schon wieder geil ist. 
Dem Cover entsprechend sind auch viele der Songs: „Claw“ ist Westernmusik auf Steroiden, „Mean Machine“ ist eines der schnellsten Stücke der Band und das Titellied ist so einschüchternd wie kaum ein anderes. Dennoch wird sich auch auf alte Stärken besonnen und damit Stücke wie aus alten Tagen geschaffen. „Nothing Up My Sleeve“, „Ridin‘ With The Driver“ und „Ain’t My Crime“ sind kernig und enttäuschen definitiv nicht. Dazu wird es einmal hymnisch („Deaf Forever“) und auch mal recht melodisch („Doctor Rock“). Wie das Cover anmutet wird also mehrgleisig gefahren… und das erfolgreich! 
TOP: Deaf Forever; Nothing Up my Sleeve; Mean Machine; Built For Speed; Ridin‘ With The Driver; Doctor Rock; Orgasmatron 
 
1916 (1991) – 9,4/10: Meisterwerk! 
1916 hat einen besonderen Stand, denn es kam in den Krisenjahren heraus, wo die vielen Besetzungswechsel sich auch in der Qualität der Musik widerspiegelte. Der Vorgänger (Rock ‚n‘ Roll) wie auch der Nachfolger (March ör Die) kamen weder bei der Kritik noch bei den Fans besonders gut an und es kam seit dem Wiedereinstieg von Phil Taylor immer wieder zu Spannungen. Doch trotz persönlicher Krisen, Lemmys Umzug nach Kalifornien und einem Labelwechsel kam es mit 1916 zu einem äußerst respektablen Werk. Bei dem Cover in Kombination mit dem Titel erwarteten die meisten zunächst ein Musikalisches Schlachtfeld, doch entgegen diesen Erwartungen ist das Titellied die erste (und vielleicht emotionalste) Ballade der Band. Auf „Love Me Forever“ wird vorab zumindest ein teilweise balladeskes Stück vorgelegt. Doch nicht genug der Experimente: „Nightmare/The Dreamtime“ kombiniert düstere Klänge mit einem Schuss Psychedelic. „No Voices in the Sky“ ist melodischer und damit recht dicht am Another Perfect Day-Album. Dazu schafften Motörhead es mit „I’m So Bad (Baby I don’t care)“ eine gelungene Parodie auf ihr eigenes Image. Neben diesen vielen Abweichungen gibt es allerdings auch viele Feier- und Trinklieder in bester Hard bzw. Blues Rock-Manier. Die Single „The One to Sing the Blues“ ist bis heute ein Klassiker und auch das Ramones-Tribute bahnte sich seinen Weg in die Klassikerliste der Band. „Angel City“ und „Shut You Down“ sind eher unbekanntere Perlen der Band und bei „Going To Brazil“ ist es schon schade dass der Song nur so kurz ist. 
TOP: The One to Sing the Blues; I’m So Bad; No Voices in the Sky; Going To Brazil; Nightmare/The Dreamtime; Love Me Forever; Angel City; R.A.M.O.N.E.S.; Shut You Down; 1916 
 
Overkill (1979) – 9,8/10: Meisterwerk! 
Nachdem ein gutes Jahr seit dem Vorgänger vergangen war, wurde das erste große Meisterwerk der Band veröffentlicht. Bis heute ein großer Klassiker, der in diversen Heavy Metal-Toplisten auftaucht, ein unbestrittener Wegbereiter für den Thrash Metal ist und der Band einen Schwung an Kult-Songs bescherte. Ganz vorne steht dabei natürlich das legendäre Titellied, das auch die erste Hitsingle der Band wurde. Ebenso legendär ist „No Class“, das zeigte wie extrem Rock ‚n‘ Roll ausfallen kann. Neben diesen Klassikern ist auch „(I Won’t) Pay Your Price“ ein Party-Rocker und „Damage Case“ ist eine spannende Erweiterung zu „No Class“. Aber neben den großen Hits gibt es auch Stoff, der Kennern zwar geläufig ist, aber den Mainstream nur bedingt erreichte. „I’ll Be Your Sister“ zeigt Motörhead von der kumpelhaften Seite, „Stay Clean“ ist wunderbar lässig und „Tear Ya Down“ ist zwar kein Ausnahmesong, aber dennoch tolle Riff-Arbeit. Fairerweise geriet „Capricorn“ etwas skizzenhaft, aber dafür gibt es einen würdevoll-bluesigen Abgang mit dem düsteren „Metropolis“ und dem klassischen Bluesrocker „Limb From Limb“. Das Album setzt bis heute Maßstäbe – unbestritten. Allein dieses Album hätte ausgereicht um der Band den Legendenstatus zu verleihen und dass sie sich nochmal übertreffen sollten, hätte wohl Anno 1979 keiner gedacht. 
TOP: Overkill; Stay Clean; (I Won’t) Pay Your Price; I’ll Be Your Sister; No Class, Damage Case; Tear Ya Down; Limb From Limb 
 
Ace of Spades (1980) – 10/10: Meisterwerk! 
Mit dem Sprung in die 80er legten Motörhead ihren nächsten Meilenstein an den Start. Das Konzept die Punk- und Heavy Metal-Bewegung zu vereinen, wurde in Perfektion geführt und der Kult, der sich um dieses Album rankt, übertrifft noch den von Overkill. Angefangen beim legendären Western-Cover, das von der Band höchstpersönlich bestimmt wurde und für das sich die Bandmitglieder als ihre großen Westernhelden verkleideten (auch wenn Lemmy es nie zugab, ist sein Kostüm an Maverick angelehnt). Hinzu kommen die legendären Texte über das Glückspiel, besonders beim Kult-Titellied. Aber auch „Live to Win“ und „Fast And Loose“ stehen in dieser Tradition, ohne zu kopieren. Passend zum Cover gibt es mit „Shoot You In The Back“ auch einen wunderbaren Cowboy-Song. Zu Klassikern wurden auch „Love Me Like A Reptile“ (ein Text wie er nur von Motörhead stammen kann) und die Metal-Hymne „The Chase Is Better Than The Catch“. Neben den ausgereifteren Songs gibt es aber auch wilde Stücke, die schlicht durch ihr Tempo mitreißen: „Fire, Fire“ und „The Hammer“ lassen kein Auge trocken, ebenso „Bite the Bullet“, das nur leider etwas kurz ausfällt. Mit „(We Are) The Road Crew“ gibt es auch den obligatorischen Biker-Metal und mit „Jailbait“ sind auch die Blues-Fans bedient. Entsprechend genial vereinten Motörhead mit ihrem Jahrhundertwerk die unterschiedlichen Subkulturen. 
TOP: Ace of Spades; Love Me Like A Reptile; Shoot You In The Back; Live To Win; Fast And Loose; (We Are) The Road Crew; Fire, Fire; Jailbait; The Chase Is Better Than The Catch; The Hammer

Motörhead Live
Motörhead waren ein begehrter Live-Act und dementsprechend wurden viele Live-Mitschnitte veröffentlicht. Gerade in der Spätphase vielen diese sehr opulent aus und beinhalteten locker über 20 Stücke. Das erste Livealbum „No Sleep ‚til Hammersmith“ (Meisterwerk!) von 1981 ist auch das beste der Band. Der Auftritt ist legendär und zeigt die frühen Motörhead in all ihrer Wildheit, die es dennoch schaffen Unsauberkeiten in ihren Stil einzuschließen, anstatt sich davon runterziehen zu lassen. Im Übrigen das einzige Nummer Eins Album der Band im UK! 1983 wurde mit „What’s Words Worth“ (Bester Stoff!) ein Mitschnitt aus der ganz frühen Phase nachgelegt, der mehr Rock ‚n‘ Roll als Metal ist, aber einen spannenden Einblick in die frühen Jahre zeigt. Der Titel des 1988er „Nö Sleep at All“ (Bester Stoff!) ist nicht zufällig gewählt, denn wie das erste Livewerk ist es quasi ein Best Of im Live-Format. 1989 wollte man nochmal auf den Zug aufspringen die 70er-Phase der Band zu beleuchten und veröffentlichte „Blitzkrieg in Birmingham ‚77“ (Reinfall!). Lemmy ist kaum zu verstehen, nicht zuletzt durch das übersteuernde Mikro. Ein Jahr später erschien das tontechnisch ebenfalls nicht fehlerfreie, aber immerhin etwas bessere „Lock Up Your Daughters 1978“ (Zwiespältig!). Gegen die offizielle Zustimmung der Band wurde 1987 ein Konzert in London mitgeschnitten und 1994 als „Live at Brixton ‚87“ (Zwiespältig!) veröffentlicht. Die Band präsentiert sich ehrlich, aber das Album klingt entsprechend wie ein Bootleg. Eine absolute Empfehlung ist hingegen das in Hamburg mitgeschnittene „Everything Louder Than Everyone Else“ (Bester Stoff!) von 1999. Neben der starken Performance ist auch die tolle Titelauswahl zu loben, die die verschiedenen Phasen gut einfängt. Das 2003er „25 & Alive: Live at Brixton Academy“ (Gelungen!) hat zwar keine unglaublichen Leistungen zu bieten, macht aber durch die Gastmusiker (u.a. Doro Pesch, Brian May, Eddie Clarke) einfach Spaß. 2007 erhielten wir einen musikalisch desaströsen Mitschnitt, der unter dem Namen „Better Motörhead Than Dead“ (Reinfall!) veröffentlicht wurde – Immerhin hat Lemmy hier hörbar seinen Spaß. 2011 erschien mit „The Wörld Is Ours – Vol. 1“ (Zwiespältig!) ein mediokres Livealbum, bei dem die Band versuch durch lärmigen Sound zu überzeugen, anstatt durch ein furioses Instrumental. Ein Jahr später kam mit „The Wörld Is Ours – Vol. 2“ (Gelungen!) eine Art Korrektur – Die Band klingt sauberer, aber ein Klassiker wird das Album nicht mehr. Zu guter Letzt erschien 2016 mit „Clean Your Clock“ (Reinfall!) eines der schlechtesten Livewerke überhaupt. Lemmy hatte seine letzten Konzerte nur noch mit Mühe überstanden wie dieses Konzert in München, einen Monat vor seinem Tod. In seinen Ansprachen wirkt Lemmy teils resigniert, es gibt ohne Ende Rückkopplungen und Lemmys Stimme hat keine Kraft mehr. Das Album ist eine Frechheit.

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